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Corona und Statistiken – Mit Unsicherheiten leben

Bericht

Wie können plötzlich über eine Million Einwohnerinnen aus der Meldestatistik verschwinden?  Wie groß wird der Bevölkerungsrückgang bis 2060 sein? Jährlich fast 0,8 Prozent und nur 0,28 Prozent? Das sind schgon wichtige Fragen wenn es darum geht, wie unser Rentensystem künftig funktioniert und ob wir eine Ärztelücke haben.  Die Botschaft von Gerd Bosbach, Statistik- und Mathematikprofessor an der Hochschule Koblenz-Remagen: Zahlen  geben Eindeutigkeit vor, sind aber erstens gar nicht so exakt, wie sie vorgeben, und sind zweitens immer sehr unterschiedlich interpretierbar.

Das machte Bosbach bei seinem Online-Seminar am 23. Juni für den Gesprächskreis Sülz-Klettenberg auch an den Corona-Zahlen deutlich: Sprechen wir über positiv getestete, über Infizierte oder über Kranke? Woher wissen wir die Zahlen der Genesenen? Wie wird die Sterberate gezählt – auf welche Grundgesamtheit? Wie und wer wird auf den Virus getestet? Getestet? Wie werden die „Länderrankings“ berechnet? Bosbach versuchte für den Umgang mit den Zahlen zu sensibilisieren.

Die Folien seines Vortrags findet ihr hier.

Heftige Diskussionen gab es um Zitate aus einem internen Papier des Bundesinnenministeriums, das den Eindruck erweckt, man müsse die Bevölkerung schockieren, um sie vor der Pandemie zu warnen. Nein, er wolle nicht einer „Verschwörungstheorie“ das Wort reden, beteuert Gerd Bosbach. Aber es sei schon ärgerlich, wenn da eine Formel „Pandemie= 1918+1929“ propagiert werde – also Spanische Grippe plus Weltwirtschaftskrise. Für Interessierte ist das interne Papier des BMI hier abrufbar.

Diskussionsbeitrag von Dirk Jacobs

Schließlich noch der Diskussionsbeitrag von Dirk Jacobs, ZDF-Redakteur, der an der Online-Debatte teilnahm, aus technischen Gründen aber während seines Beitrags unterbrochen wurde:

„aus meiner eigenen Erfahrung aus den Sendern und Redaktionen, nicht nur jetzt in der Corona-Zeit, weiß ich, wie immerzu die „Negativ-Blicke“ gewinnen gegenüber den „Positiv-Blicken“ oder den „Ausgewogen-Blicken“. Den kritischen Ansatz haben Journalisten ja sozusagen im Blut – hinzu kommen die fast schon systemimmanenten vermeintlichen Gewissheiten, dass der Skandal oder Streit oder die Sorge oder Angst die emotional stärksten „Geschichten“ liefern, die den Zuschauer oder Leser binden oder gar fesseln. Das ist sogar begründet, denn Angst ist ja tatsächlich unsere stärkste Emotion. Und seit es nicht mehr nur um Information geht, sondern auch um Quoten, also schon seit gut 30 Jahren, geht es immer stärker neben Fakten auch um „Emotionales“. Ich bedaure das und argumentiere oft dagegen an – aber so ist der Mechanismus. An den auch quasi alle glauben.

Angst vor Corona ist medienpsychologisch die „stärkere“ Geschichte als Beruhigung oder Zweifel gewesen.

Also wurde Corona als eher dramatisch und bedrohlich geschildert, und die Politiker wurden überwiegend gefragt, ob das denn alles ausreiche, was getan werde, und nur ganz selten, ob das vielleicht zu viel sei. Dem RKI wurde erstmal grundsätzlich geglaubt. Das wurde als weise Instanz und Institution von den meisten Journalisten akzeptiert, die ihrerseits ein paar Orientierungspunkte suchten. Mathematisch oder statistische Bildung ist wenig verbreitet. Ich habe mehrfach auf die Schwäche der Zahlen hingewiesen, entsprechende Beiträge gemacht, auch andere Kollegen taten das vereinzelt – es hat sich nicht verfestigt. Schon gestern hörte man Herrn Wieler wieder gutgläubig zu und gab ihn 1:1 wieder. 

Ich denke, in der Verzahnung von Medien und Politik haben dann auch viele Politiker entsprechend gehandelt. Es galt, die Gefahr ernst zu nehmen, um auch medial „besser wegzukommen“. Am Beispiel Söder-Laschet zeigt sich, dass die Rechnung auch aufging. Auch Drosten findet mehr Gehör und Glauben als Streeck. Der „Hotspot“ kriegt mehr Aufmerksamkeit als die 140 Landkreise, die seit vielen Tagen ohne Corona-Fälle sind.

Das alles ist systemimmanent. Ich weiß nicht, was wir gegen die „Emotionalität“ der Öffentlichkeit ausrichten können, wenn Emotionen sehr stark sind. Es wird immer schwierig bleiben für die Stimme der Vernunft. Aber insofern wird die Angst auch „automatisch“ bedient und nicht unbedingt gezielt!“

Klaus Dörre: Nicht jede Krise ist eine Chance

Und schließlich noch eine Einschätzung von Klaus Dörre „Nicht jede Krise ist eine Chance“, die er für die Zeitschrift „Jacobin“ geschrieben hat.

Mit Unsicherheiten leben – auch bei Daten und Corona

Mit Gerd Bosbach

Dienstag, 23. Juni, 19:30 bis 21:00

Zoom-Meeting
https://us02web.zoom.us/j/86756664671
Meeting-ID: 867 5666 4671
Schnelleinwahl mobil +496950502596,,86756664671# Deutschland
+496971049922,,86756664671# Deutschland

Gerne glauben wir Zahlen, sie verbreiten Sicherheit, sind seriös und objektiv. Auf die können wir unsere Auffassung aufbauen oder auch stützen. Ein gefährlicher Irrglaube, wie wir bewusst nachdenkend auch wissen. Aber dann kommt die nächste auf Zahlen beruhende Meldung – „Am Schlimmsten von Corona betroffen sind die USA“, „In Russland steigt die Zahl der Infizierten extrem“ oder auch positiv „Deutschland steht gut da“ – und wir fühlen uns in unserem Wissen bestätigt. Liegt der Glaube an den Fakten oder der ständigen Wiederholung?

Natürlich sind Statistiken wichtig, wenn sie richtig erhoben und eingesetzt werden.

Der Statistiker und Mathematiker Gerd Bosbach hat das seit vier Jahrzehnten beobachtet und analysiert. Von der Beratung der wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages bis zur direkten Nutzung durch einen Interessensverband. Entsprechend geschult war er entsetzt, wie und welche Daten zu Corona erstellt und als scheinbare Sicherheit verbreitet wurden. Dem RKI hat er harsche Vorwürfe gemacht.

Aber Vorsicht: Falsche Datenbegründung heißt nicht zwangsläufig schlechte Maßnahmen. Und wie hätte man an saubere Fakten kommen können? Er wirbt mit kritischem Blick auf die Welt der Zahlen für Sorgfalt und Offenheit bei der Abwägung von Argumenten.
Wir müssen mit Unsicherheiten leben, auch bei den sogenannt harten Fakten.